Aflenz Memorial: Ein Ort der Erinnerung

Am Sonntag, 18. Oktober , wird um 11 Uhr das neue Aflenz Memorial eröffnet. Dort, wo sich während des Zweiten Weltkriegs ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen befand, ist in den vergangenen Monaten ein besonderer Ort des Erinnerns entstanden. Das Memorial soll die Geschichte dieses Ortes wieder sichtbar machen – und gleichzeitig dazu einladen, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Wer heute über das Gelände in Aflenz blickt, kann kaum erahnen, was hier vor mehr als 80 Jahren geschehen ist. Von den damaligen Baracken, Wachtürmen und Zäunen ist nichts mehr zu sehen. Über Jahrzehnte wurde ein großer Teil der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Mit dem Aflenz Memorial bekommt dieser geschichtsträchtige Ort nun wieder ein sichtbares Zeichen der Erinnerung.

GESCHICHTE WIRD WIEDER SICHTBAR

Das Memorial wurde nach einem künstlerischen Konzept von Milica Tomić gestaltet. Dabei wurde bewusst darauf verzichtet, das ehemalige Konzentrationslager nachzubauen. Stattdessen zeichnet ein neues Wegesystem die früheren Grenzen des Lagers nach. Auch der ehemalige Appellplatz und der Standort einer Baracke werden im Gelände sichtbar gemacht.

So können Besucherinnen und Besucher künftig zu Fuß erfahren, welche Ausmaße das Lager hatte. Wo früher Wachtürme und ein Elektrozaun das Gelände begrenzten, führen heute Schotterwege entlang.

Ein zweiter wichtiger Teil des Memorials ist die Bepflanzung. Untersuchungen des Bodens haben Samen und Spuren von Pflanzen zutage gebracht, die früher an diesem Ort gewachsen sind. Einige davon sollen nun wieder angesät werden. Bereits im August wurden unter anderem Klee, andere Leguminosen und Sonnenblumen gepflanzt, um den Boden zu lockern und zu verbessern. Ab 2027 folgen weitere Pflanzen, die bei den Untersuchungen nachgewiesen wurden. Damit wird der Boden selbst zu einem Teil der Erinnerung.

EIN FUND, DER GESCHICHTE PERSÖNLICH MACHT

Wie viel Geschichte noch immer in diesem Boden steckt, zeigte sich während der Arbeiten auf besondere Weise. So wurde Anfang Juli am ehemaligen Appellplatz eine Häftlingsmarke mit der Nummer 38882 gefunden. Die Marke konnte Albin G. zugeordnet werden. Er wurde 1910 im heutigen Polen geboren, 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eingewiesen und später nach Mauthausen deportiert. Im Juli 1944 kam er nach Aflenz, wo er in den unterirdischen Stollen Schwerstarbeit verrichten musste. Albin G. war ausgebildeter Schmied. Nach den bisher bekannten Unterlagen dürfte er die Internierung in den Konzentrationslagern überlebt haben.

Ob er die Marke damals in Aflenz verloren hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Der kleine Fund gibt den Geschehnissen aber einen Namen und macht deutlich, dass hinter den historischen Zahlen einzelne Menschen und ihre persönlichen Schicksale stehen.

MEHR ALS 900 HÄFTLINGE IN AFLENZ

Das KZ-Außenlager Leibnitz/Aflenz wurde 1944 errichtet. Gefangene des KZ Mauthausen mussten unter schwersten Bedingungen die unterirdischen Steinbrüche ausbauen. Dort sollte die Rüstungsproduktion der Steyr-Daimler-Puch AG vor Bombenangriffen geschützt werden.

Nach heutigem Forschungsstand waren mehr als 900 KZ-Häftlinge in Aflenz interniert. Mindestens 81 Tote sind namentlich bekannt. Die Gefangenen kamen unter anderem aus der Sowjetunion, Polen, dem Deutschen Reich, Jugoslawien, Spanien, Italien und Frankreich. Sie waren extremer körperlicher Arbeit und Misshandlungen ausgesetzt.

Am 2. April 1945 wurde das Lager aufgegeben. 467 Gefangene mussten zu Fuß in Richtung KZ Ebensee marschieren. Zahlreiche Menschen wurden auf diesem Gewaltmarsch erschossen.

EIN LEBENDIGER ORT DES ERINNERNS

Das neue Memorial soll diese Vergangenheit nicht nur sichtbar machen, sondern auch ein Ort des Lernens sein. Schulklassen, Jugendgruppen und Interessierte können das Gelände im Rahmen von Führungen mit geschulten Mauthausen-Guides kennenlernen. Für Menschen, die das Memorial selbstständig besuchen, gibt es mehrsprachige Informationstafeln mit QR-Codes sowie einen barrierefreien Audioguide.

Auch die Bevölkerung soll in Zukunft Teil dieses Ortes sein. Denn das Aflenz Memorial versteht Erinnerung nicht als etwas Abgeschlossenes. Die Landschaft verändert sich, Pflanzen wachsen und müssen gepflegt werden. Geschichte bleibt damit Teil der Gegenwart. Gerade in Wagna hat diese Erinnerungsarbeit eine lange Tradition. Über viele Jahre hat sich der Zeitzeuge und spätere Bürgermeister Franz Trampusch dafür eingesetzt, die Geschichte des Lagers nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Er führte Besucherinnen und Besucher durch die Stollen und initiierte dort auch eine Ausstellung.

Die Marktgemeinde Wagna wird die Pflege und den Erhalt der Anlage übernehmen. Die Flächen werden von der Holcim GmbH für zunächst 25 Jahre kostenlos zur Verfügung gestellt.

Mit der Eröffnung am 18. Oktober bekommt Aflenz damit einen Erinnerungsort, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Einen Ort, der nicht nur daran erinnert, was hier geschehen ist, sondern auch dazu beitragen soll, dass diese Geschichte weitererzählt wird – an die nächsten Generationen.