Armut als Barriere

In den zurückliegenden zehn Jahren war unser stetes Bemühen und Bestreben, den TeilnehmerInnen und Gästen unseres Hauses eine möglichst umfassende Barrierefreiheit zu bieten. Menschen mit Behinderungen verschiedenster Art und Ausprägung sollten weitgehend selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe die Einrichtungen unseres Hauses nutzen können.

Dafür wird mittlerweile überall viel getan. Lassen Sie mich heute aber einmal über die vielleicht häufigste und zugleich unsichtbarste Form der Behinderung und Barriere sprechen: Armut. Vor einigen Wochen hat die Statistik Austria neue Zahlen darüber veröffentlicht, wie viele Menschen in einem Land direkt von Armut betroffen oder stark gefährdet sind, in Armut abzurutschen. Im reichen Österreich waren das im Jahr 2020 „stolze“ 1.529.000 Millionen Menschen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind hier übrigens noch nicht erfasst und auch die Folgen des Krieges in der Ukraine werden die Zahlen wohl noch einmal deutlich ansteigen lassen. Besonders Frauen mit Kindern geraten leicht in die Armutsfalle. In Österreich gab es 2020 rund 290.000 sogenannte Ein-Eltern-Familien. In 85% der Fälle sind dies Mütter, die sich allein um ihre Kinder kümmern. Weil Frauen in Österreich im Durchschnitt um etwa 20% schlechter als Männer bezahlt werden und vor allem Alleinerzieherinnen kaum Vollzeit-Stellen wegen fehlender Betreuungseinrichtungen annehmen können, leben diese Familien sehr häufig am oder unter dem Existenzminimum (das wäre derzeit um die € 1.700,00 pro Monat netto für einen Einpersonenhaushalt mit Kind, 12 Mal). Das hat besonders Folgen für die Kinder: Mindestens 385.000 Kinder und Jugendliche bis zum 19. Lebensjahr gelten in Österreich als akut armuts- und damit auch ausgrenzungsgefährdet.

 

Armut ist vererbbar

In Österreich gibt es laut OECD-Studie aus dem Jahr 2018 im Vergleich zu anderen OECD-Ländern traditionell eine erstaunlich geringe soziale Mobilität. Das bedeutet, dass Einkommen, Bildung und Status einer Person sehr häufig zur nächsten Generation vererbt werden. Armutsbetroffene Kinder und Jugendliche leben meistens unter insgesamt schlechten Wohn- und Lebensbedingungen. Aus finanziellen Gründen ist ihnen sehr oft auch der Zugang zu Aktivitäten verwehrt, die Geld kosten: kostenpflichtige Schulveranstaltungen und Freizeitaktivitäten, kleine Feste zu feiern oder Freunde nach Hause einzuladen. Aber wer nicht einlädt, wird auch nicht eingeladen. Das hat sehr schnell und dauerhaft Auswirkungen auf soziale Beziehungen. Fehlen diese weitgehend, so erzeugt das bei Kindern und Jugendlichen Scham, Kränkung, Zurückgezogenheit oder das Gefühl der völligen Ausgeschlossenheit. Letztendlich verstärkt es auch das Motiv, die Schule vorzeitig verlassen zu wollen. Niedrige oder überhaupt keine Abschlüsse
sind die Folgeerscheinungen.

 

Armut macht krank

Armut führt unweigerlich zu permanenten Kränkungen im Alltag und macht auch tatsächlich krank: Armuts- und armutsgefährdete Kinder und Jugendliche weisen deutlich häufiger Entwicklungsverzögerungen und Störungen auf als finanziell gut abgesicherte Kinder. Sie leiden häufig unter einem niedrigen Selbstbewusstsein, haben vermehrt Angst vor schlechten Leistungen und vor existenzbedrohenden Situationen wie z.B. Erkrankung oder Arbeitslosigkeit der Eltern. Diese Entwicklungsrisiken setzen sich bis ins Erwachsenenalter fort. Arme Kinder und Jugendliche von heute sind zu einem großen Teil die chronisch kranken Erwachsenen von morgen.

 

„Small Steps – kleine Schritte, große Chancen“

Natürlich sind es strukturelle Maßnahmen, die mittel- bis langfristig Wirkung zeigen und die Situation dauerhaft verbessern könnten: Existenzsichernde Löhne, leistbarer Wohnraum, qualitativ hochwertige Kinderbetreuungseinrichtungen, gemeinsame ganztägige Schulen, kostenlose Ganztagsbetreuung, Förderung für schulische und außerschulische Freizeitangebote u.v.m. Dafür braucht es vor allem einen politischen Willen und die nötige Durchsetzungskraft. Wie die vergangenen Jahrzehnte gezeigt haben, kann dies allerdings noch dauern.

 

Wer nicht weiter lange warten will, kann aber schon jetzt was tun: Unterstützen Sie die gemeinnützige Initiative der Marktgemeinde Wagna für hilfsbedürftige Kinder und deren Familien: „Small Steps – kleine Schritte, große Chancen“. Denken Sie zurück: Vielleicht war es auch bei Ihnen nur eine scheinbar kleine, aber ungemein wichtige und hilfreiche Unterstützung, die Ihrem Leben auf lange Sicht gesehen Sinn, Qualität und ein gutes Auskommen beschert hat. Jetzt haben Sie die einfache Gelegenheit dazu, ein wenig davon zurückzugeben.

Der Retzhof hat bei seinem Bilder-/Bücherflohmarkt beim Ostermarkt eine Spendenbox aufgestellt und so stolze 362,24 Euro für SMALL STEPS lukriert.

 

Wollen auch Sie helfen? Wir freuen uns über jede Unterstützung!

Spendenkonto: IBAN: AT90 1400 0843 1000 4099, BIC: BAWAATWW

www.small-steps.at


Zum Autor: Dr. Joachim Gruber ist pädagogischer Leiter des Bildungshauses Retzhof und Lektor an der Karl-Franzens-Universität Graz zum Fachbereich Management in Bildungsorganisationen.